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Die Digitalisierung der Arbeiter-Zeitung

Die Idee
Die Idee entstand 2001. Der Auslöser war simpel: Wir wollten in relevanten Zeitungsarchiven endlich einmal vom Schreibtisch aus recherchieren können. Jahrelang hatten Mitarbeiter der Andy Kaltenbrunner Medienberatung und von scharf_net, owie viele Kollegen an Universitäten und in Bibliotheken bedauert: Es gibt für die Zeit vor den achtziger Jahren kaum relevante Primärquellen im Web. Es gab überhaupt keine Tageszeitungs- oder Magazinarchive, die mehrere Jahrzehnte umfassten, keine Chroniken von Bedeutung. "Alles Wissen ist im Internet" behaupteten dennoch notorisch jene Werbeeinschaltungen von Internet-Betreibern, die es besser wissen sollten. Die Suche zu Ereignissen an einem konkreten Tag Mitte des vorigen Jahrhunderts bringt im riesigen, weltweiten Web meist weit weniger relevante und seriöse Ergebnisse als der Kurzbesuch in einem kleinen Archiv mit staubigen Zeitungsbänden im Regal.
Mit www.arbeiter-zeitung.at sollte eine - nicht nur - für Österreich relevante Primärquelle erschlossen werden. Die traditionsreiche Arbeiter-Zeitung mit ihrer mehr als 100jährigen Geschichte, gleichermaßen politischer Faktor und Chronist, schien ein besonders geeignetes Objekt für eine erstmalige Retro-Digitalisierung und Archiv-Öffnung solch umfangreicher Zeitungsbestände im WWW.

Mit offenem Zugang wird das Material in einem ersten Schritt für den Zeitraum 1945 bis 1989 für breite Interessentengruppen kostenlos zugänglich gemacht. Der Zugriff erfolgt dabei unvergleichlich schneller und einfacher, unabhängig von Ort und Zeit und von beliebig vielen Usern zugleich. Das Original selbst wird dabei nicht weiter beansprucht und ein drohender Verlust der Information durch Zeit und Abnutzung verhindert.

Ein Archiv für alle UserInnen
Das Projekt arbeiter-zeitung.at wurde mit eben diesem Ziel ins Leben gerufen: ein wichtiges Zeitungsarchiv für eine größtmögliche Useranzahl interessant zu machen. Schon nach kurzer Laufzeit ist entsprechend damit zu rechnen, dass an einem einzigen Tag auf www.arbeiter-zeitung.at mehr Menschen zugreifen, als sich sonst Interessenten in einem ganzen Jahr AZ-Artikel in Bibliotheksbeständen ausheben lassen (können).
Die Bedienung sollte deswegen auch von jenen Internet-Nutzern schnell erfasst werden können, die sonst selten mit historischer Recherche konfrontiert sind – gleichzeitig sollten auch die Bedürfnisse der professionellen Recherche berücksichtigt bleiben. Die verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten, zusätzliche Optionen wie persönliche Speicherfunktion von Recherche-Ergebnissen und das "Forum" als Diskussionsraum, aber auch der Überblick über die Geschichte der 2. Republik entlang der Berichterstattung, sollen den unterschiedlichen Interessen entgegenkommen und Orientierung erleichtern.

Zugleich wurde mit diesem Projekt ein medienökonomischer Prototyp für retrodigitalisierte Zeitungsarchive geschaffen. Bisher hatten Entwickler und Medieninhaber, Wissenschaftler und Bibliothekare meistens nur von der theoretischen Machbarkeit und künftigen Bedeutung derart umfangreicher Zeitungsarchive im WWW geredet.
Vielerlei Hemmnisse verhinderten umfassendere Anwendung in der Praxis: Ökonomische Schwierigkeiten, rechtliche Unklarheiten, technische Entwicklungsprobleme. Die traditionell unterschiedlichen Interessen und Zugänge von Historikern und Archivaren, Zeitungseigentümern und Journalisten, Wissenschaftlern und nicht zuletzt - Lesern - fanden nicht zueinander.
Die wichtigsten Fragestellungen für die Initiatoren, die selbst als Entwickler von Web-Medien und Journalisten, als Wissenschaftler und Anwender sehr praxisbezogene Interessen, aber durchaus nur beschränkte private Mittel hatten, waren entsprechend: Wie könnten hunderttausende Seiten einer Tageszeitung möglichst effizient speicher- und nutzbar und in optimalen, preisgünstigen Verfahren für ein Web-Archiv aufbereitet werden? Wie wäre ein erstes, derart großes Zeitungsarchiv im Web zu gestalten, dass gleichermaßen den Hobby-User bei der privaten Recherche wie den professionellen Nutzer aus Wissenschaft oder Journalismus hilfreich ist? Das Projekt selbst sollte nachfolgenden Digitalisierungen damit auch erstmals realistische Vorgaben liefern können.

Die Vorstudie
Mehrere Monate lang wurden 2001/2002 von der Kaltenbrunner Medienberatung und scharf_net technische und organisatorische Möglichkeiten und Bedingungen für die Schaffung einer solchen Anwendung erhoben. Es gab keine Vorbilder für ein Archiv dieser Art, dafür umso mehr begeisterte Experten aus Wissenschaft und Medien in ganz Europa (siehe Team), die sich auch für diese Idee faszinieren konnten und mit Wissen und Erfahrung einen großen Teil zur Realisierung beigetragen haben. Die SPÖ als Inhaber der Titelrechte an der Arbeiter-Zeitung unterstützte die Vorarbeiten und sagte die Nutzungsrechte für ein offenes Webarchiv zu. In hunderten Recherchegesprächen und Anwendungs-Tests wurden Varianten zur Digitalisierung verglichen, Material-Proben gesichtet, grundsätzliche Rechtsfragen erörtert und Bedürfnisse der User erhoben.

Für die Projektkooperation mit dem Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Klagenfurt unter DDr. Matthias Karmasin als wissenschaftlichen Partner konnte 2003 das Zentrum für Innovation und Technologie (ZIT) des Wiener Wirtschaftsförderungsfonds als Förderer gewonnen werden. Der Großteil der notwendigen finanziellen Mittel für Forschung und Entwicklung wurde von Kaltenbrunner-Medienberatung und scharf_net eingebracht. Mit diesen Budgets sollte die Retro-Digitalisierung und Web-Archivierung der AZ-Bestände ab 1945 realisiert und die Anwendung der neu entwickelten Verfahren und deren Optimierung finanziert werden. Weiterentwicklungen, wie sogar bereits neue Verfahren zum Einsatz von Volltext-Abfragen in den Zeitungsseiten, sowie die vollständige Digitalisierung ab 1889 wurden in die Forschung einbezogen, vorläufig aber aus Zeit- und Kostengründen als mögliche nächste Ausbauschritte in der Durchführung noch hintangestellt. (siehe Ausbau).

Die Digitalisierung von Mikrofilm
Im Herbst 2003 wurde der gesamte verfügbare Bestand an Mikrofilmen der AZ nach 1945 von in Berlin archivierten Original-Filmen kopiert und digitalisiert. Die Entscheidung für den Mikrofilm anstelle von Papier-Originalen liegt vorrangig in der einfacheren und daher wesentlich günstigeren Verarbeitung begründet, zudem werden keine Originale beansprucht oder gar beschädigt. Umgekehrt können dabei allerdings bereits bei der Originalverfilmung aufgetretene Fehler nur noch schwer korrigiert werden.

Jedes einzelne digitalisierte Bild, jede Zeitungsseite wurde einer Nachbearbeitung unterzogen, um es an der richtigen Stelle im Archiv zu platzieren und um es für die Darstellung im Internet anzupassen. Der österreichische Digitalisierungspartner, das Unternehmen BISS, optimierte dazu laufend seine Programme, scharf_net evaluierte verschiedene Integrationsmöglichkeiten der digitalisierten Seiten ins Archiv. Die Anpassung bedeutete auch die stete Suche nach einem Kompromiss – zwischen bestmöglicher Qualität der Darstellung der Zeitungsseiten auf der einen und Geschwindigkeit der Anwendung auf der anderen Seite.

Die Umsetzung der Website
Mit rund 200.000 digitalisierten Seiten in unterschiedlichen Größen und Layouts waren an die Gestaltung der Steuerung und Präsentation besondere Anforderungen gestellt. Die Berücksichtigung unterschiedlicher Userinteressen sollte mit einfacher und überschaubarer Bedienung in Einklang gebracht werden. Die Arbeiter-Zeitung hatte im Verlauf von mehr als vier Jahrzehnten vielfach Umfang, Ressortgliederungen und "Bücher" gewechselt, sogar Titel und Titelköpfe von "Arbeiter-Zeitung" über "AZ" zu "Neuer AZ" geändert, andere Blätter - wie "Salzburger Tagblatt" und "Oberösterreichisches Tagblatt" - einverleibt und 1985 auch auf Kleinformat umgestellt.

Für die Entwickler war dies gleichermaßen Schwierigkeit wie erwünschter Test zur Praxistauglichkeit der vorher entwickelten Verfahren. Hier mussten und konnten für sehr viele unterschiedliche Aufgabenstellungen der Web-Zeitungsarchivierung Lösungen gefunden werden. Dabei bewährte sich die bereits in der Vorstudie etablierte, ständige Zusammenarbeit von technischen Entwicklern, Design, Kommunikations- und Geschichtswissenschaftern und Journalisten in Konzeption und im Produktionsprozess.

Das Archiv als Forschungsgegenstand
Mit der Realisierung von arbeiter-zeitung.at ist ein erster, großer Schritt in der Entwicklung von retrodigitalisierten Zeitungsarchiven gesetzt. Mit der Evaluierung und Verbesserung der Anwendung wird das Projekt weiterverfolgt. Zugangs-, Nutzungs- und Feedback-Daten werden laufend ausgewertet, Userbefragungen und Tests durchgeführt. Nicht nur für die Weiterentwicklung dieser Site, sondern auch für die Entwicklung neuer Archive soll die Erfahrung aus diesem Projekt genutzt werden. Ein vom Jubiläumsfonds der ÖNB gefördertes Projekt des IMK Klagenfurt dokumentierte und evaluierte zudem diese Nutzung und Nutzbarkeit von www.arbeiter-zeitung.at. Der Forschungsbericht wurde unter anderem in "relation" 1/2004, der Schriftenreihe der Medienkommission der "Österreichischen Akademie der Wissenschaften" online veröffentlicht.