Die Aufbaujahre 1945 | Nach dem Staatsvertrag | Die siebziger Jahre | Die achtziger Jahre


Staatsvertragsfeier / Walter Henisch / vga, wien: az-fotoarchivEin Jahrzehnt lang hatte die Arbeiter-Zeitung wie alle großen Medien über die vielen Details, Irrungen und Umwege zur Erlangung der vollen, österreichischen Souveränität berichtet, ehe am 15. Mai 1955 der Staatsvertrag unterzeichnet wurde. Just nach diesem für das Land so wichtigen Akt geriet einer der verlässlichsten Chronisten, eben die Arbeiter-Zeitung, erstmals in eine Krise. Die Rolle der gleichermaßen antikommunistischen Aufdecker, sozialistischen Aufklärer und politischen Heralde war in breiten Bevölkerungsschichten nun weniger nachgefragt. Die oft unterhaltsamere Boulevardpresse erreichte rasch höhere Auflagen als die Parteipresse aller Couleurs.

Bei den Nationalratswahlen 1956 verpasst die ÖVP unter Führung von Julius Raab eine absolute Mandatsmehrheit nur ganz knapp. Zum ersten Mal war auch die FPÖ als Nachfolgepartei des „Verbands der Unabhängigen“ angetreten. Der Sozialist Adolf Schärf war 1957 zum Bundespräsidenten gewählt worden, Bruno Pittermann hatte das Amt des SPÖ-Vorsitzenden übernommen.

Ungarnaufstand / Walter Henisch / vga, wien: az-fotoarchivDie Berichterstattung war da aber vor allem von internationalen Themen dominiert. Österreich stand unter dem Eindruck von Volksaufstand und Niederschlagung im Oktober 1956 in Ungarn und erweist sich als Flucht- und Flüchtlingshelfer.
In Wirtschaft, Kultur und Sport drückt sich vielfach das wieder gefundene Selbstbewusstsein des freien Österreichs aus: Die neue AUA fliegt ab Ende März 1958. Das fast zeitgleich in Betrieb genommene Tauernkraftwerk in Kaprun wird Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs. Toni Sailer feiert seit Mitte der fünfziger Jahre zahlreiche Skierfolge und mit dem Phantastischen Realismus der „Wiener Schule“ um Arik Brauer, Ernst Fuchs, Anton Lehmden, Rudolf Hausner nimmt nach einer Ausstellung 1959 im Belvedere erstmals wieder eine relevante Kunstentwicklung in Österreich ihren Ausgang. Österreichs Aufnahme in die EFTA (1960) und seine Gastgeberrolle des Gipfeltreffens von John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow im Mai 1961 in Wien dokumentieren neue Bedeutung.

In der Arbeiter-Zeitung kommt es 1961 zu einem Wechsel an der Spitze. Franz Kreuzer soll als neuer Chefredakteur das einigermaßen verstaubt wirkende Blatt in Form und Inhalt renovieren. Sichtbarstes äußeres Zeichen ist die Veränderung des Titelkopfes. Aus der Arbeiter-Zeitung in Frakturschrift wird systematisch die AZ. Neue Blatt-Teile wurden eingeführt, zahlreiche junge Redakteure mit der Blatt-Umgestaltung betraut: Herbert Löwy, in den siebziger Jahren als Kolumnist „Gluthammer“ und Chef vom Dienst einer der großen Vollblut-Zeitungsmacher des Landes und Josef Riedler. Erich Sokol wurde als Karikaturist der AZ rasch einer der Zeichner-Stars in Österreich und Kurt Kahl gestaltete mit Eva Lorenz eine neue Sonntags-Beilage des Blattes. Als 1963 John F. Kennedy in Dallas ermordet wurde, war – eher zufällig – als einziger österreichischer Journalist der AZ-Redakteur Otto Fielhauer Augenzeuge vor Ort. Walter Henisch ist in diesen Jahren der Fotoreporter der AZ. Sein gleichnamiger Sohn arbeitet in den siebziger Jahren einige Zeit in dieser Funktion. Sein älterer Sohn, der Schriftsteller Peter Henisch, sammelt ebenfalls seine ersten Sporen als Autor in der AZ.

Studentendemo / Walter Henisch / vga, wien: az-fotoarchivZur starken Konkurrenz am Printmedienmarkt mit der 1959 gegründeten Kronen-Zeitung, dem höchst erfolgreichen Kurier und den Bundesländerblättern hinzu kam für die Parteizeitung in dieser Periode auch jene der elektronischen Medien. 1957 war ein regelmäßiges TV-Programm auf Sendung gegangen. Das viel unterstützte ORF-Volksbegehren des Jahres 1964 brachte schließlich eine Grundstimmung der Österreicher gegenüber den demokratischen Medien zum Ausdruck: Sie sollten unabhängig von Parteiapparaten agieren können.
Themen wie die ersten Olympischen Winterspiele im Jänner und Februar des Jahres 1964 in Innsbruck faszinierten und stellten alle Medien vor neue Herausforderungen. Die langjährige Zweckehe von ÖVP und SPÖ in der Großen Koalition nunmehr unter Führung von Alfons Gorbach war inzwischen immer brüchiger geworden. Doch während die Sozialisten im Mai 1965 erneut die Präsidentenwahlen für sich und ihren Kandidaten, Franz Jonas, entscheiden können, erreicht die ÖVP bei der Nationalratswahl unter der Führung von Josef Klaus im März 1966 die absolute Mehrheit und stellt ab April eine Alleinregierung.
International und national brechen ab Mitte der sechziger Jahre die gesellschaftlichen Spannungen auf: In Wien demonstrieren die Studenten gegen den „Mief von tausend Jahren unter den Talaren“, Ende März 1965 gegen den Universitätsprofessor Borodajkewycz und dessen antisemitische Äußerungen in Vorlesungen. In Deutschland organisieren sich die Studenten rund um den Berliner Studentenführer Rudi Dutschke. Die spätere 68er-Bewegung formiert sich, Demonstrationen gegen die USA und den Vietnam-Krieg werden in den USA und Europa zu Massenkundgebungen. Im August 1968 steht die Welt im Banne des „Prager Frühlings“.

Politische Umbrüche kündigen sich auch in den etablierten Parteien Österreichs an. Jüngere Sozialisten, unter ihnen Heinz Fischer, Josef Staribacher, Karl Blecha und AZ-Chefredakteur Kreuzer legten Reformpapiere vor und traten für mehr innerparteiliche Diskussion ein. Bruno Kreisky übernahm schließlich im Februar 1967 den Vorsitz der SPÖ. Der neue Parteichef wünscht sich aber auch einen neuen Chefredakteur für das Zentralorgan: Paul Blau, davor Chefredakteur der Monatszeitschrift „Wirtschaft und Arbeit“ folgt auf Franz Kreuzer, der nach zwei Jahrzehnten die AZ verlässt und von Gerd Bacher prompt in den ORF geholt wird. Kanzler Josef Klaus bildete 1968 die – bereits vielfach kritisierte – ÖVP-Regierung um und berief Stefan Koren zum Finanzminister. Alois Mock wird 1969 Unterrichtsminister. Die Wahlen am 1. März 1970 bringen dennoch eine große Verschiebung. Die SPÖ erhält die relative Stimmenmehrheit und 81 Mandate, „Kreisky Sozialisten für rasche Regierungsbildung“ titelt die AZ am 3. März. Sieben Wochen später wird unter der Führung von Bruno Kreisky eine sozialistische Minderheitsregierung angelobt. Besonders aufmerksam begeleitet und kommentiert wurde der Wahlkampf vom neuen politischen Ressortleiter der AZ Manfred Scheuch und von Politik-Redakteur Günter Traxler.

Jochen Rindt / vga, wien: az-fotoarchivEs ist eine Zeit des rasanten gesellschaftlichen Umschwungs, begleitet von neuen Medien. Bei den Salzburger Festspielen wird im Juli 1970 die neue, von Clemens Holzmeister gestaltete, Felsenreitschule eingeweiht. Eben erst war Farbfernsehen auch im ORF eingeführt worden, da wird ab September 1970 auch ein ständiges 2. Fernsehprogramm eingeführt und das Fernsehen berichtet nur einige Tage danach von einem Unglück, das viele erschüttert: Der Autorennfahrer Jochen Rindt verunglückt in Monza tödlich.
Die neue Regierung fasst noch kurz vor Weihnachten 1970 den Beschluss zur Errichtung der „UNO-City“ und Wiens Bürgeremister Bruno Marek tritt zurück. Ihm folgt Felix Slavik.

Jahresspiegel
1955
Staatsvertrag Die AZ berichtet von der bevorstehenden Unterzeichnung.
Extra-Ausgabe zum Staatsvertrag In einer Extra-Ausgabe die noch am Tag der Unterzeichnung erscheint berichtet die AZ von den Ereignissen im Belvedere.
Wehrgesetz Der Nationalrat beschließt das neue Wehrgesetz mit den Stimmen von ÖVP und SPÖ.
Flugzeugabsturz am Kahlenberg
Eine jugoslawische Verkehrsmaschine stürzt im dichten Nebel auf den Kahlenberg bei Wien.
Tag der Fahne Österreich begeht zum ersten Mal den Tag der Fahne, während im Nationalrat das Neutralitätsgesetz beschlossen wird.
Oper in Wien eröffnet Karl Böhm dirigiert die Wiener Philharmoniker zur Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper.
Österreich wird UNO-Mitglied Neben fünfzehn anderen Nationen wird Österreich einstimmig in die Vereinten Nationen aufgenommen.
1956
Drei Mal Gold für Sailer Toni Sailer gewinnt auch den Abfahrtslauf und wird mit drei goldenen erfolgreichster Sportler der Olympischen Spiele in Cortina.
NR-Wahl ÖVP gewinnt stark Die FPÖ erreicht bei ihrer ersten Kandidatur nur mehr 6,5 % gegenüber 11 % des VdU im Jahr 1953.
Bäcker streiken Die Bäckereiarbeiter kündigen einen unbefristeten Streik an, der auch in ganz Österreich über vier Tage eingehalten wird: "lückenlos und diszipliniert".
Aufstand in Ungarn In Budapest beginnen gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sowjetarmee.
1957
Körner gestorben Bundespräsident Körner verstirbt unerwartet am 4. Jänner. Die AZ bringt einen großen Nachruf.
Schärf gewählt Mit Dr. Adolf Schärf wird der SPÖ-Kanditat zum Bundespräsidenten gewählt. Die AZ berichtet euphorisch.
Sputnik gestartet "Seit Freitag hat die Erde einen künstlichen Mond" Die Sowjetunion konnte noch vor den USA ihren ersten Satelliten starten.
1958
AUA Jungfernflug Die Austrian Airlines nehmen den Flugbetrieb von Wien-Schwechat auf.
Schwalleck gesprengt Der für die Donau-Schiffahrt gefährliche Felsen bei Grein wird mit 7000 Kilogramm Sprengstoff aus dem Fluß gesprengt.
Stadthalle eröffnet Der Europaplatz und die Stadthalle in Wien werden feierlich eröffnet.
1959
NR-Wahl SPÖ wird nach 1953 wieder stimmenstärkste Partei. ÖVP behält jedoch ein Mandat Vorsprung.
EFTA Gründung In Stockholm treffen Vertreter von sieben Nationen darunter auch Österreich zur Gründung der Freihandelszone EFTA zusammen.
1960
Explosion am Erdölfeld Im Erdölgebiet in Aderklaa am Stadtrand von Wien explodiert ein Sprengstoffwagen und tötet sechs Arbeiter.
"Heute kommt Chruschtschew" Der sowjetische Ministerpräsident trifft zu einem Staatsbesuch in Wien ein.
Straßenbahnunglück in Wien Der Zusammenstoß von zwei Garnituren der Linie 39 führt zum bislang schwersten Unglück der Wiener Straßenbahnen.
AUA Absturz Eine viermotorige Vickers Viscount der Austrian Airlines (AUA) stürzt bei starkem Regen und Nebel kurz vor Moskau ab. 30 Personen kommen ums Leben.

JFK trifft Chruschtschew / Contrast Photo GesmbH1961
Südtirolresolution Die Generalversammlung der Vereinten Nationen nimmt eine Resolution zur Südtirolfrage an.
Eichmann-Prozess In Jerusalem beginnt der Prozess gegen Adolf Eichmann
Rauferei am Spielfeld Das Europacup-Semifinalspiel Rapid - Benfica Lissabon muss kurz vor Ende wegen Raufereien abgebrochen werden.
JFK trifft Chruschtschew US-Präsident John F. Kennedy und der sowjetische Ministerpräsident Chruschtschew treffen in Wien zusammen.
Sabotage in Südtirol Der Südtirolkonflikt spitzt sich weiter zu. In Südtirol werden 19 Strom- und Telefonmasten gesprengt.
1962
Atomreaktor im Prater Im Wiener Prater wird ein Atomreaktor zu Forschungszwecken in Betrieb genommen.
Zwanzgerhaus In Wien wird im umgebauten Weltausstellungspavillon das Museum des 20. Jahrhunderts eröffnet.
1963
Fall Otto Habsburg SP und FP stimmen gegen die Rückkehr von Otto Habsburg nach Österreich.
Oper streikt Die Premiere von La Boheme musste abgesagt werden, weil der von Karajan gewünschte italienische Souffleur nicht arbeiten durfte.
Europabrücke eröffnet 30.000 Menschen wohnten der feierlichen Eröffnung der höchsten Pfeiler-Brücke der Welt bei.
Kennedy ermordet US-Präsident J.F. Kennedy wird in Dallas, Texas, erschossen. AZ-Redakteur Fielhauer berichtet vom Tatort.
1964
Winterspiele in Innsbruck Die Olympischen Spiele werden feierlich eröffnet. Die AZ berichtete schon ab 19. Jänner täglich in einer Sonderbeilage.
Olah ausgeschlossen Der durch eigenwillige Geldtransaktionen in Kritik geratene Franz Olah wird von der SPÖ ausgeschlossen.

Begräbnis Kirchweger / Walter Henisch / vga, wien: az-fotoarchiv1965
Kirchweger getötet Ernst Kirchweger wird bei Kundgebungen gegen Uni-Professor Borodajkewycz vom Neonazi Kümel schwer verletzt und stirbt zwei Tage danach.
Jonas Bundespräsident Mit 50,69 % der Stimmen setzt sich Franz Jonas knapp gegen Alfons Gorbach (ÖVP) durch.
1966
ÖVP Absolute Mit 48 % der Stimmen erreicht die ÖVP die absolute Mandatsmehrheit bei den Nationalratswahlen.
Rundfunkgesetz Nach dem Rundfunkvolksbegehren wird das neue Rundfunkgesetz mit den Stimmen von ÖVP und FPÖ beschlossen.
"Wembley-Tor" Eines der umstrittensten Tore der Fußballgeschichte leitet den Finalsieg von WM-Gastgeber England über Deutschland ein.
1967
Tito in Österreich Der fünftägige Besuch des jugoslawischen Präsidenten beginnt mit einem falschen Bombenalarm und endet mit der Verhaftung eines potentiellen Attentäters.
Studenten demonstrieren In Wien demonstrieren rund 5000 Studenten für Demokratisierung der Uni und höhere Bildungs-Budgets.
1968
Prager Frühling Die Sowjetarmee marschiert in der CSSR ein. Die AZ bringt einen Sonderbericht auf 9 Seiten.
Wahlalter gesenkt Mit den Stimmen aller im Parlament vertretenen Parteien wird das aktive Wahlalter auf 19 gesenkt, das passive auf 25.
1969
Olah-Prozess Wegen Untreue, Veruntreuung und Betrug wird gegen den ehemaligen Innenminister ein Prozeß geführt.
40-Stunden Woche Die SPÖ lanciert ein Volksbegehren zur Einführung der 40-Stunden-Woche das 850.000 Unterstützer erhält.
Die Mondlandung Apollo 11 erreicht den Mond. Schon Tage zuvor war die Mission täglich auf der Titelseite der AZ.
1970
SPÖ Mehrheit Erstmals in der II. Republik erzielt die SPÖ bei NR-Wahl auch die Mandatsmehrheit.
SPÖ Regierung Nach gescheiterten Koalitionsverhandlungen bildet Kreisky eine SP-Minderheitsreg
Jochen Rindt verunglückt Beim Training zum Grand Prix in Monza verunglückt Jochen Rindt in der Parabolica.