Die Aufbaujahre 1945 | Nach dem Staatsvertrag | Die siebziger Jahre | Die achtziger Jahre


AKH-WienAusgerechnet die für die Sozialdemokratie so erfolgreichen siebziger Jahre hatten ihrem Zentralorgan AZ nur wenig Erfolg gebracht. Trotz immer noch recht beachtlicher Reichweiten bei den Lesern verlor sie gleichmäßig und weiterhin Marktanteile und auch die 1974 unter Kreisky eingeführte Presseförderung, von der die AZ besonders deutlich profitierte, linderte nur die materiellen Nöte, aber konnte sie nicht abschaffen. Ende der siebziger Jahre wurde die AZ deswegen in neue Eigentümerstruktur – aber weiter in Parteibesitz – übergeführt und Albrecht K. Konecny als Herausgeber des Blattes berufen.
Innenpolitisch wird die SPÖ nach dem fulminanten Wahlsieg prompt von Skandalen erschüttert. Die Diskussion um Finanzminister Hannes Androsch und dessen Steuerberatungskanzlei Consultatio mündet am 11. Dezember 1980 in dessen Rücktritt. Im September 1981 wird mit dem AKH-Prozess der größte Korruptionsskandal der Zweiten Republik juristisch aufgerollt, während im Parlament ein Untersuchungsausschuss die politischen Verwicklungen und Verantwortungen, vor allem von SPÖ-Mandataren diskutiert.

Ende August 1981 wird Österreich durch einen Terroranschlag dreier Araber auf die Synagoge in der Wiener Seitenstettengasse erschüttert. Nicht zuletzt werden dadurch auch die palästinenserfreundliche Politik Bruno Kreisky und dessen Treffen mit Yassir Arafat und die spätere Einladung zu einem Wien-Besuch an Muammar al-Gaddhafi (März 1982) Themen des Disputs zur Positionierung der österreichischen Außenpolitik.
Im Parteienspektrum beginnt sich eine Bewegung immer klarer zu formieren, die sich auch aus vielen Mitgliedern der SPÖ-Linken rekrutiert: Die Grünen. Am 16. Jänner 1982 paktieren im niederösterreichischen Zwentendorf verschiedene grüne Gruppen ihren Zusammenschluss.
Am 15. Mai 1982 findet mit der großen Friedensdemonstration in Wien die größte Kundgebung der zweiten Republik statt.
Am 24 April 1983 endet die Nationalratswahl mit einer Niederlage der SPÖ. Sie bleibt wohl weiter stärkste Partei, verliert aber die absolute Mehrheit und geht in Folge in „kleine Koalition“ mit der FPÖ. Neuer SPÖ-Kanzler (ab 24. Mai) und SPÖ-Vorsitzender (ab 29. Oktober) wird der vormalige Unterrichtsminister Fred Sinowatz, sein Vize in der Regierung FPÖ-Obmann Norbert Steger.

Auch in der AZ sind ein größerer Umbau- und ein Verjüngungs-Prozess ab Anfang der achtziger Jahre im Gange. Zu den erfahrenen Veteranen wie Chefredakteur Manfred Scheuch, Außenpolitik-Chef Friedrich Katscher oder Beilagen-Leiterin Eva Lorenz kommt ein neue Generation der Politikredakteure und Kommentatoren: Herbert Lackner, Peter Pelinka, Ilse Brandner-Radinger, Georg Hoffmann-Ostenhof, Andy Kaltenbrunner, Robert Wiesner. In Wirtschafts-, Chronik-, Kultur- und Sportressort reüssieren ebenfalls junge Journalisten in Kooperation mit den Routiniers: Tessa Prager, Otto Ranftl, Eva Gogala, Eva Kutschera (alle Chronik), Heinz Sichrovsky, Christoph Hirschmann (Kultur), Eva Pfisterer, Helmut Dité, Ursula Haslauer (Wirtschaft), Dieter Chmelar (Sport). In einem weiteren Schub Mitte der achtziger Jahre folgen junge Mitarbeiter, die ebenfalls rasch Karriere machen, wie Fritz Dittlbacher, Günter Kaindlstorfer, Walter Pohl, Gerhard Plott, Astrid Zimmermann, Robert Misik, Roman Freihsl, Christian Nusser, Klaus Kamolz, Ruth Rybarski, Josef Kalina und viele mehr. Koordiniert wird die Zeitung seit dem Tod Herbert Löwys im Jahr 1983 vom umtriebigen Chef vom Dienst Peter Bylica.

Räumung der Au / Contrast Photo GesmbHDie AZ übernimmt zugleich die Herausgabe von „Salzburger Tagblatt“ (1984) und „Oberösterreichisches Tagblatt“ (1987) als regionale Mutationen. Der Auflagen- und Leserschwund wird gestoppt, die Zeitung ab 1985 im Kleinformat herausgegeben. Vorwärts-Verlag und Redaktion waren aus dem Traditionsgebäude an der Wienzeile in die Viehmarktgasse übersiedelt. Mit etwa 70.000 täglich verkauften Exemplaren liegt sie jeweils knapp vor Konkurrenten wie der „Presse“ und in der Reichweiten-Rangliste von Österreichs Tageszeitungen an vierter Stelle. Ökonomisch aber – es fehlen relevante Anzeigeneinnahmen - bleibt die Zeitung in ständiger Schräglage.
Die AZ schreibt Verluste - wie die Partei, die sie herausgibt in vielen kleinen und größeren Wahlgängen. Vor allem im Streit um den Kraftwerksbau in Hainburg wird das Dilemma der unmittelbar abhängigen Parteipresse deutlich. Während zahlreiche Redakteure ganz gegen die offizielle SPÖ-Linie große Sympathie mit den Besetzern der Au haben und versuchen die Berichterstattung ausgewogen zu gestalten, bleibt die politische Kommentierung eindeutig und rechtfertigt auch die gewaltsame Räumung durch die Polizei zu Jahresende 1984. Vor allem in der politisch besonders emotionalisierenden Diskussion um die Präsidentschaftskandidatur von Kurt Waldheim (und dessen Wahl am 9. Juni 1986) wirkt die AZ aber wiederum durch klare Positionierungen unverzichtbar. Neben anderen Waldheim-kritischen Medien, allen voran das „profil“, ist die Parteizeitung klar positioniert und publizistisch besonders engagiert. Systematisch steigen entgegen dem langjährigen Trend die Auflagen. Fotografisch wird diese Phase von Reportern wie Rudolf Semotan und Rudolf Bartel begleitet.

Bernhard, Peyman / Contrast Photo GesmbH1986 übernimmt Franz Vranitzky, davor Finanzminister, die Funktion des Bundeskanzlers und 1988 auch den Parteivorsitz von Fred Sinowatz. Vom Bruch mit dem Regierungspartner FPÖ, unmittelbar nach dem Innsbrucker FPÖ-Parteitag, der Jörg Haider im September 1986 an die Spitze der Freiheitlichen spülte, wird naturgemäß in der AZ besonders umfassend berichtet. In den Kulturdebatten um Burgtheater-Direktor Claus Peymann (ab 1986) bezieht die Zeitung ebenso klar Stellung wie zum Aufstieg der oppositionellen FPÖ unter Haider mit populistischen Parolen.
Die SPÖ gerät indes im Gefolge des Lucona-Untersuchungsausschusses um den Demel-Besitzer Udo Proksch immer mehr in politische Turbulenzen, die in den Rückritt von Innenminister Karl Blecha und Außenminister Leopold Gratz münden. In der ÖVP kündigt sich nach der Wahl 1986 die Ablöse von Alois Mock durch Josef Riegler (im April 1989) an.
Während im Osten Europas erste größere Risse der kommunistischen Diktaturen bemerkbar werden, verfolgt Österreich den Besuch von Prinz Charles und Lady Diana im April 1986 in Österreich, diskutiert ein Jahr danach über die Berufung von Weihbischof Kurt Krenn.
Das Land laboriert international unter dem „Wein-Skandal“, nachdem ab April 1985 mehrere tausend Hektoliter der heimischen Rebensäfte wegen der Beimischung von Glykol beschlagnahmt wurden. Die Motorsport-Begeisterten bewundern Ayrton Senna und haben ab der Saison 1985/86 mit Gerhard Berger auch einen neuen österreichischen Hoffnungsträger.

Die AZ aber kommt ökonomisch nicht auf die Überholspur. Das Blatt hat zwar noch einen täglichen Verkauf von beachtlichen 70.000 Stück und mehr mit treuem Abonnentenstamm, durchaus gleichauf mit Blättern wie der "Presse" - aber kaum Anzeigenerlöse. SPÖ-Vorsitzender Franz Vranitzky kündigt bereits Ende 1988 Verkaufabsichten an, im Herbst 1989 geht das Blatt an die Birko-Holding des Werbe-Unternehmers und Illustrierten-Verlegers („Wiener“) Hans Schmid, der den Fernsehmoderator Robert Hochner als Chefredakteur und viele neue Redakteure verpflichtet, aber ein Jahr danach das weiter defizitäre Blatt schließlich nicht mehr finanzieren will.
Das große Engagement von Redaktion, Lesern und einigen größeren, finanziellen Unterstützern verlängert den Überlebenskampf der AZ unter der Leitung von Peter Pelinka als letztem Chefredakteur – aber am 31. Oktober 1991 muss das Traditionsblatt, das in den letzten Jahren zwar noch ein modernes, linksliberales Image gewinnen und hunderttausende Leser halten konnte, schließlich doch sein Erscheinen einstellen.
Mit arbeiter-zeitung.at wurde ab März 2004 ein erstes großes Stück dieser österreichischen Zeit- und Zeitungsgeschichte, die AZ-Jahrgänge 1945 bis Ende März 1989, im Internet offen zugänglich gemacht. Bei Launch des Digitalarchivs war es das erste derartige und bis dahin weltweit größte Tageszeitungsarchiv des 20. Jahrhunderts im Web. 115 Jahre nach ihrer Gründung und mehr als ein Jahrzehnt nach ihrer Einstellung schrieb die Arbeiter-Zeitung noch einmal Geschichte.
Seither wurden von Hunderttausenden Usern viele Millionen Zeitungsseiten von dieser Website abgerufen.

Jahresspiegel
1981
Androsch geht Der im Zuge des AKH-Skandals unter Druck geratene Finanzminister Hannes Androsch kündigt seinen Rücktritt an.
Nittel ermordet Verkehrsstadtrat Heinz Nittel wird vor seinem Haus in Wien-Hietzing erschossen. (siehe auch AZ vom 8. Oktober 1981
Terror in Wien Auf eine Synagoge in der Wiener Innenstadt wurde ein Terroranschlag verübt. Zwei Menschen wurden getötet.
AKH-Prozess 1. Tag In Wien beginnt der AKH-Prozess mit der Verlesung der 168 Seiten starken Anklageschrift.
Nobelpreis für Canetti Elias Canetti erhält den Nobelpreis für Literatur.
Kreisky trifft Arafat Auf seiner Reise durch die Golfstaaten trifft Kreisky auch mit PLO-Führer Arafat zusammen.
1982
Gaddhafi in Wien Bundeskanzler Kreisky empfängt den libyschen Revolutionsführer trotz internationaler Proteste.
Friedensdemo in Wien Mehr als 70.000 Menschen beteiligen sich am Friedensmarsch in Wien.
Konferenzzentrum 1,3 Mio. unterstützen das Volksbegehren gegen das Konferenzzentrum. Gebaut wird trotzdem.
Romy Schneider verstorben Die Schauspielerin wird tot in ihrer Pariser Wohnung aufgefunden.
1983
"Absolute" verloren Bei den Nationalratswahlen verliert die SPÖ die absolute Mehrheit. Kreisky tritt zurück.
Papstbesuch Papst Johannes Paul II besucht Österreich. Zur Festmesse im Donaupark kommen mehr als 300.000 Gläubige.

"Au-Hirsch" Nenning /Contrast Photo GesmbH1984
Chaos am Brenner Italienische Zöllner machen "Dienst nach Vorschrift" und bringen den LKW Verkehr am Brenner zum Erliegen.
Oskar Werner gestorben Auf einer Lesetour durch Deutschland verstirbt Oskar Werner im Alter von 61 Jahren an Herzversagen.
Hainburger-Au besetzt Kraftwerksgegner halten die Hainburger-Au besetzt. Es kommt zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei.
1985
Udo Proksch verhaftet Demel-Chef Udo Proksch wird wegen Betrugverdachts im Fall Lucona festgenommen.
"Gepantschter" Wein 20.000 Hektoliter mit Frostschutzmittel "verbesserter" Wein werden beschlagnahmt. Der Weinskandal wird öffentlich.
Rapid im Finale Rapid gelingt der Einzug ins Finale des Europacups der Cupsieger. Gegen Everton unterliegt Rapid jedoch mit 1:3.
1986
Challenger-Katastrophe Die US-Amerikanische Raumfähre Challenger explodiert kurz nach dem Start. Die Besatzung - unter ihnen erstmals auch eine Zivilistin - ist sofort tot.
Charles und Diana Englands Thronfolger Prinz Charles und "Lady Di" fliegen mit der Concorde zu einem Besuch in Wien ein.
Tschernobyl Im Atomreaktor in Tschernobyl kommt es zur Katastrophe. Österreich hofft noch, von der radioaktiven Wolke verschont zu bleiben.
Waldheim Präsident Kurt Waldheim gewinnt die Stichwahl zum Bundespräsidenten gegen Steyrer mit 53 %.
Haider übernimmt FPÖ Am Parteitag der FPÖ in Innsbruck kommt es zur Machtübernahme von Haider in der FPÖ. Tags darauf kündigt die SPÖ die Koalition.

Anti-Waldheim Demonstration / Contrast Photo GesmbH1987
Eröffnung Konferenzzentrum In Wien wird das Konferenzzentrum eröffnet. ÖVP und selbst Kreisky bleiben fern.
Bischofsweihe unter Protest Im Wiener Stephansdom wird Kurt Krenn unter starken Protesten zum Weihbischof geweiht.
Watchlist Die USA setzen Bundespräsidenten Waldheim auf die "Watch-list" und erteilen ihm damit ein Einreiseverbot.
1988
Waldheim "Mitwisser" Die Historikerkommission übergibt den Abschlussbericht über das Verhalten von Kurt Waldheim während des II. Weltkrieges.
Bankräuber entkommt Der achtfache Bankräuber "Ronnie" flieht nach Verhör. Zwei Tage später endet seine Flucht mit Selbstmord (in AZ 16.11.)
Hrdlickas Mahnmal enthüllt Das umstrittene Mahnmal gegen Krieg und Faschismus wird am Albertinaplatz enthüllt.
1989
Gratz Rücktritt Nach Innenminister Blecha (AZ vom 20.1.) legt auch NR-Präsident Gratz sein Amt im Zusammenhang mit dem Lucona-Ausschuss nieder.
Bernhard tot Thomas Bernhard ist verstorben und hinterlässt in seinem Testament ein Aufführungsverbot für alle seine Werke in Österreich.