Hannes Baumann Uber Kabelfernsehphilosophien:
Dorfbrunnentratsch übers Kabel
Der Rundfunkfachmann Dr. Lenhardt, er ist der ehemalige kaufmännnische Direktor des ORF, tritt jetzt häufig als "Fachmann" für Kabel-TV auf (Werbetagung und Mediengespräch in Klagenfurt). Er ist jetzt Geschäftsführer der Firma Kabelsignal, die Fernsehkabel verlegen will, mit denen ausländische Programme verbreitet werden sollen. Als Vortragender in Sachen Kabel-TV verblüfft er seine Zuhörer trotzdem oder vielleicht gerade, weil er manchmal Apfel mit Birnen vermischt oder Milchmädchenrechnungen auftischt. Beifälliges Nicken ist ihm gewiß, denn schlielilich gilt allemal, daß der Fachmann am Podium und die Unwissenden im Publikum sitzen.
Für Lenhardt heißt es offenbar: Fernsehkabel ist gleich neue Technik für den alten Rundfunk. Neue Telekotnrnunlkationsformen sind eine Unbekannte. Aus einem Lenhardt-Rechenheispieil:
DIE VERWECHSLUNGSKUNST
Eine Stunde ORF-Programm kostet durchschnittlich 270.000 Schilling. Eine Stunde halbwegs ordentliches Kabel-TV-Programm kann kaum unter 20.000 Schilling hergestellt werden. Ergebnis: Das kann sich niemand leisten. Eigene Kabel-TV-Programme sind daher zu teuer. (Die erfolgreiche englische Station Viewpoint hat nicht ganze 2000 Schilling für eine Programmstunde.)
Worin besteht also Lenhardts Verwechslung oder gar Verwechslungskunst?
Die Kosten für ORF-Produktionen, wie "Babenberger" (6 Millionen Schilling) und Opernübertragungen (5 Millionen Schilling) schlagen sich natürlich auf die Programmkosten pro Stunde nieder. Solche Produktionen gibt es in einem Gemeinde-Kabelsystem natürlich nicht. Dafür wird der Bürgermeister Maier, bis dahin vielen Ortsbewohnern persönlich eine unbekannte Größe - möglicherweise am Fernsehschirm des Ortes erscheinen und über Gcmeindeangelegenheiten berichten. Und Herr Müller wird vielleicht seine Urlaubsfilme, die er bisher zum Vergnügen ein paar Freunden vorgeführt hat, stolz der ganzen Gemeinde zeigen.
UM KOMMUNIKATION GEHTS
Für den Rundfunkfachmccan Dr. Lenhardt ist das naturlian nur ein Bloßfüßigen-Fernsehprogramm. Na und? Es geht ja schließlich nicht um Rundfunk sondern um Kabel-TV-Kommunikation.
Um den teletechnischen Ersatz für den Dorfbrunnen und das Gemeindewirtshaus sowie den Kirchenplatz geht es! Kirchplatz-Kommunikation, Wirtshaustischgespräche und Dorfbrunnentratsch beim Wasserholen haben in den veränderten Wohnbedingungen keinen Ersatz gefunden.
Für die außerhalb ihres Arbeitsplatzes in einer weitgehenden Isolation in Wohnwaben lebenden Menschen ist zum Beispiel das Kommuntkationsinstrument Telephon eine Lebensnotwendigkeit geworden. Für die Wirtschaft in der vor einem Verkehrskollaps stehenden Städten übrigens auch.
Künftige Kabel-TV-Kommunikation (Telekommuntkation) ist kein herkömmlicher Rundfunk. Hier sollen nicht Macher für Konsumenten nach bestimmten technischen Qualitätsregeln Programme herstellen. Hier soll allen, die es gern möchten, die Möglichkeit zur Mittellung (Kommunikation) gegeben werden.
Und nur jene, die darauf neugierig sind, werden zusehen - ohne technischen Qualitätsanspruch, aber mit Interesse an der Mitteilung selbst. Es geht nicht um eine technische Qualität, sondern um die Qualität der gebotenen Information.
TERROR ODER GEBURT?
Und wer mag entscheiden, ob in der Gemeinde die Mitteilung vom letzten Terrorüberfall auf ein Flugzeug oder die Nachricht von der Geburt des Nachbarkindes größere Informationsqualität hat?
Das herkömmliche Rundfunkprogramm braucht geradezu ein solches Ventil. Eine Sendung "In eigener Sache" einmal im Monat allein ist als Stimme des Volkes zu wenig. Die Beliebtheit gerade dieser Sendung spricht ja Bände für dIe Erweiterung derartiger Telekommunikation insbesondere auf Gemeindeebene.
Keine Angst: Im Land der Heunigenbesucher bleibt natürlich ein Dorfbürgermeister, der eine Runde schmeißt, noch immer attraktiver als sein Erscheinen am Kabel-TV-Schirm der Gemeinde. Daran wird ein Gemeinde-Kabel-TV scheitern und nicht an den Kosten.
KEIN SCHMALSPUR-TV
Und gescheitert sind bisher auch alle jene Kabel-TV-Stationen, die nicht mehr daraus gemacht haben, als die üblichen Fernsehprogramme nachzuahmen. Dafür reicht das Geld wirklich nicht, und solche Schmalspur-TV-Programme braucht auch niemand.
Aber neue Kommunikationsmöglichkeiten, zum Beispiel mit Hilfe der Kabeltechnik, werden dringend benötigt.
|